JDAV Sommerfahrt Veltlin 2024
Mitte September war der verfrühte Wintereinbruch in den Ostalpen kurz davor die zehnte Ausgabe der JDAV-Sommerfahrt unter einer mächtigen Schneedecke zu begraben. Nach einigen bedauerlichen Absagen aufgrund der bescheidenen Verhältnisse im Umfeld des ursprünglich anvisierten Zieles und vielen reiflichen Überlegungen wurde sich sehr spontan dazu entschieden, den reservierten Campingplatz im oberen Pustertal zu stornieren und stattdessen in das von dem üppigen Niederschlag weitgehend verschonte Veltin zu reisen. Ein kurzer Neuschneecheck am Anreisetag im Zuge einer kleinen Wanderung auf den Monte Padrio 2152 m bestätigte diese Entscheidung mit der eindrücklichen Aussicht auf eine von den Dolomiten bis in die Bergamasker Alpen von deutlich unter 2000 m bis über 3000 m ansteigende Schneegrenze und verbreitete Vorfreude auf die kommenden Tage.
Nach der Platznahme und ersten Nacht auf einem kleinen Agricampeggio östlich von Sondrio (Sunders) wurde bei einem schönen Südanstieg auf die Corna Mara 2807 m, dem südwestlichsten Hauptgipfel des in der südlichen Berninagruppe gelegenen Scalino-Massivs, erste Höhenluft geschnuppert und das bemerkenswert klare Herbstwetter genossen.
Eine zwar recht windige, dafür jedoch sehr sonnige und beinahe wolkenlose Wettervorhersage motivierten am Sonntag zur Fahrt ans Nordende des Comer Sees, um von der hochgelegenen Sella del Legnone die steile und aussichtsreiche Wandertour über den Westgrat des Monte Legnone 2609 m in Angriff zu nehmen. Mit zunehmender Höhe weitete sich das Panorama vom satten blau des Comer Sees bald über die grünen westlombardischen und nordpiemontesischen Vorgebirge hinweg zu den Walliser und Berner Eisriesen rund um Monte Rosa und Finsteraarhorn bis zuoberst sogar die markanten Pyramiden von Matterhorn und Monte Viso (240 km Entfernung!) ins Blickfeld kamen. Nach ausgiebiger Rast zwang der nahende Sonnenuntergang zum Abstieg, bereits im Dunkeln wurde sich in Dervio mit einem sehnsüchtig erwarteten Pizzeriabesuch belohnt.
Am Folgetag wurden von einem Teil der Gruppe mit einem gemütlichen Spaziergang am bereits in der Schweiz an der Südrampe des Berninapasses gelegenen Lago di Poschiavo die Beine geschont, während etwas weiter westlich der Monte Disgrazia 3678 m Weißenburger Besuch bekam. Der einigermaßen anspruchsvolle (WS+) und als Tagestour auch nicht wenig umfangreiche Normalweg über den felsigen Nordwestgrat bot mit einer von Pferden beweideten Schwemmebene, einer ausgeprägten Seitenmoräne und dem kleinen südseitigen Ghiacciaio di Predarossa viel landschaftliche Abwechslung und dank des Neuschnees und anhaltenden Windes am Grat auch noch ein wenig Wintergefühl.
Für einen vegetationsreicheren Ausgleich erstiegen anhaltend motivierte Wanderbeine am Dienstag mit dem Pizzo Campaggio 2502 m über reizvolle, einsame Pfade einen weniger prominenten Gipfel an einem nach Norden ausgreifenden Seitenarm der zentralen Bergamasker Alpen während unterforderte Kletterfinger im nahen Val di Mello erste Boulderversuche starteten.
Das beste Bergwetter der verbleibenden Tage setzte am Mittwoch einen deutlichen Impuls für eine weitere Tour ins Hochgebirge und wurde für eine leichte Hochtour auf den nahen Pizzo Scalino 3323 m genutzt. Der stimmungsvolle Monduntergang neben dem Monte Disgrazia tröstete über den frühmorgendlichen Aufbruch und den folgenden anstrengenden schattseitigen Steilanstieg in Richtung des Vedretta dello Scalino hinweg und schon bald konnten bei „Il Cornetto“ 2850 m die ersten Sonnenstrahlen und die phänomenale Aussicht auf die gewaltigen Südabstürze der Berninagruppe vom Piz Roseg zum Piz Palü und deren ausgedehnte Eisflächen genossen werden. Der großteils flache und erkennbar nicht mehr allzu mächtige Gletscher wurde noch für eine Spaltenbergungsübung genutzt, anschließend rasch erstiegen und bald über den kurzen Südostgrat der Gipfel erreicht. Der Abstieg erfolgte ohne Eiskontakt, dafür vergleichsweise mühsam über eine steile Schuttrinne und viel grobes Blockgelände, sodass es erst gut 1000 hm tiefer wieder in üblicherem Wandertempo zurück zum Auto ging. Beinahe zeitgleich traf spätnachmittags auch der verbliebene Teil der Gruppe, der das großartige Herbstwetter für einen ausgedehnten Spaziergang im Val di Mello nutzte, wieder am Campingplatz ein, um zusammen die mitgeführte Feldküche in Gang zu setzen.
Am Donnerstag stand bei durchwachsener Wettervorhersage endlich für alle ein gemeinsamer Klettertag im berühmtesten Gran(odior)it der Ostalpen an. Der gigantische Felsblock des Sasso Remenno bot eine anregende Zeitreise in die italienische Sportklettervergangenheit dominiert von langer Plattenkletterei an dessen sonniger Südseite.
Der letzte gemeinsame Tag der Sommerfahrt führte zum Monte Masuccio 2816 m, dem südlichsten Gipfel der Livignio Alpen, der aus dem Val Saiento zunächst entlang einiger malerischer Seen nördlich halb umrundet und zuletzt steil und weglos aber insgesamt unschwierig von Westen erstiegen wurde. Kurz nach der Rückkehr zum Parkplatz wurde die Heimreise angetreten.
Die seit 2015 zehnte Sommerfahrt in Folge mit vielen personellen Konstanten ging aufgrund der familiär bedingt fraglichen Fortführung nicht ohne Wehmut zu Ende. Nicht wenige der regelmäßigen Teilnehmenden haben sich im letzten Jahrzehnt von sportkletterbegeisterten Jugendlichen zu vielseitigen Alpinist*innen entwickelt. Aus den zahlreichen Urlauben, Touren und Erlebnissen in allen Ecken des Alpenraumes, in Kroatien, Frankreich und Spanien sind viele wertvolle Kontakte und anhaltend intensive Freundschaften entstanden. Im Laufe der Jahre nahm mit dem Alter der zusammen Verreisenden auch die alpine Ausrichtung der Veranstaltungen zu. Eine Folgegeneration innerhalb der Jugend wurde bisher leider noch nicht gefunden. Perspektivisch ist für die bestehende Gruppierung daher eine Inklusion in das reguläre Tourenprogramm der Sektion zu erwarten.